Wer sind eigentlich Kim und Reggie?

Kim and Reggie Harris, Foto von artists of note (2)Kim und Reggie Harris sind ein „Minifestival der Vielfalt“, so das Management der beiden Amerikaner. Sie sind Komponisten, Sänger, Musikpädagogen und Kulturbotschafter der afroamerikanischen Geschichte. Sie erzählen und singen von der Freiheit und von der Sehnsucht nach gesellschaftlicher Veränderung. Aber sie musizieren nicht nur – sie leben diesen Traum.

Festivalleiter Thomas Höft hat das Duo aus Philadelphia im Internet entdeckt als er auf der Suche nach Programmen zum Thema „Befreiung“ war. Auf einem „Alte Musik“ Festival sind die beiden auf ersten Blick Exoten und man kann sich fragen, wie Spirituals in solch ein Festival passen.

Beim Kölner Fest für Alte Musik wird der Begriff der „Alten Musik“ sehr weit gefasst und die unterschiedlichsten Musikstile haben Platz, vorausgesetzt sie verbinden Botschaften der Vergangenheit mit dem Heute. Und das tun die beiden Gäste aus Amerika.

Thomas Höft wollte mehr erfahren über die Beschäftigung mit der Geschichte und mit ihrer „Alten Musik“ und hat Kim und Reggie vor dem Festival dazu befragt. Lesen Sie das interessante Interview über die Rolle Barack Obamas in den USA, über die „Underground Railraod“ und natürlich über Träume.

 

ZAMUS: Die Basis Eurer Arbeit ist die Musik der „Underground Railroad“. Worum handelt es sich dabei?

KIM & REGGIE: Die „Underground Railroad“ war eine Freiheitsbewegung. Menschen, die zusammenarbeiteten, um allen zu helfen, die in den Vereinigten Staaten versklavt waren. Die Bewegung arbeitete zwischen 1830 und 1860, und viele der Helfer waren Teil der großen Bewegung des Abolitionismus, versuchten also, der legalen Sklaverei grundsätzlich ein Ende zu machen.

Und welche Funktion hatte dabei die Musik?

Die Musik spielte eine ganz wichtige Rolle. Versklavte und freie Afro-Amerikaner benutzten sie vor allem, um verschlüsselte Botschaften weiterzugeben. Über Fluchtwege und woran man denken musste, wenn man es wagte, in die Freiheit aufzubrechen.

Wie war das später mit der Musik in der Bürgerrechtsbewegung des 20. Jahrhunderts?

Musik hilft vor allen Dingen, Menschen moralisch aufzurichten, ihren Geist zu befeuern. Das war in den Tagen der Underground Railroad nicht anders als später in der Bürgerrechtsbewegung. Nur dass später keine verschlüsselten Codes mehr benutzt werden mussten, im Gegenteil: die Musik erzählt von der Geschichte der Bewegung ebenso wie von aktuellen Ereignissen. Und oft waren die Songs einem Veränderungsprozess unterworfen. Die Worte wurden geändert, aktuellen Ereignissen angepasst, zum Beispiel, wenn die Marschierer gestoppt, verhaftet oder eingesperrt wurden.

Das führt uns direkt zum Motto unseres Festivals: „I Have a Dream“. Welche Rolle spielte und spielt Dr. Martin Luther King Jr. in der amerikanischen Gesellschaft?

Zu seinen Lebzeiten war er viel mehr als ein Pastor und Gelehrter. Er war eine der zentralen Führungspersönlichkeiten in der Bürgerrechtsbewegung. Er brachte schwarze und weiße Priester und Pastoren ebenso zueinander wie geistige Führer ganz unterschiedlichen Glaubens. Sie veranstalteten Protestmärsche, Versammlungen in ihren Glaubensgemeinschaften und arbeiteten an Gesetzen, um die politische Situation von Afro-Amerikanern grundsätzlich zu verbessern und unterdrückerische Rechtsprechung zu verändern. Dr. Martin Luther King Jr. setzte sich aber nicht nur für Afro-Amerikaner ein, er kämpfte für die Rechte von Arbeitern und von Armen jeglicher Hautfarbe. Er war sehr in der Friedensbewegung engagiert und trat ganz entschieden gegen den Vietnamkrieg ein. Heute erinnert ein Nationalfeiertag an seinem Geburtstag daran, dass der Kampf für Freiheit noch nicht beendet ist.

Heute gibt es in Barack Obama einen Präsidenten, der sich offensichtlich für Gleichberechtigung einsetzt, auf der anderen Seite hören wir von Polizeigewalt, von offen rassistischen Äußerungen eines Donald Trump oder der Tea Party… 

Die Wahl von Barack Obama zum Präsidenten war eine Wegscheide für das ganze Land. Viele Afro-Amerikaner dachten, dass sie niemals einen schwarzen Präsidenten erleben würden. Aber unglücklicherweise sind durch seine Wahl auch wieder Rassismus und Hassparolen sichtbarer geworden, die wir eigentlich überwunden glaubten. Einige Menschen denken, dass sie straflos Worte und Taten gegen Afro-Amerikaner und Menschen anderer Ethnien richten könnten. Was aber hoffen lässt, ist, wie daraufhin eine neue Bürgerrechtsbewegung entstanden ist, die von jungen Afro-Amerikanern und ihren Freunden ganz unterschiedlichen Alters und ganz unterschiedlicher Ethnien geleitet wird. An Orten wie Ferguson, Missouri, Baltimore, Maryland, Houston Texas und Minneapolis Minnesota marschieren, blockieren und demonstrieren junge Leute und verlangen Gerechtigkeit für all die Familien, deren Mitglieder durch Polizeiübergriffe zu Tode gekommen sind. Ihre anhaltenden Proteste bringen dringend benötigte Veränderungen in vielen Kommunen.

Ihr selbst spielt traditionelle alte Musik ebenso wie eure eigenen neuen Lieder. Wo liegt für euch die Verbindung zwischen Musikgeschichte und Gegenwart?

Wir möchten jungen Leuten die Geschichte der Underground Railroad und der Bürgerrechtsbewegung durch Musik nahe bringen. Durch unser Interesse an Musik wie am Protest hören wir viele Lieder und Gesänge, die heute auf den Demonstrationen erklingen. Und dabei zeigt sich, dass die Menschen alte Lieder wie „Which Side Are You On“ oder „We Shall Not Be Moved“ ebenso kennen wie ganz neue, die sie auf der Basis ihrer aktuellen Lieblingsmusik wie Hip-Hop oder Rap entwickelt haben.

Und zum Abschluss ganz allgemein gefragt: Was ist für euch das Wesen von Musik?

Das Wesen von Musik ist, die Menschen zusammenzubringen. Zur Arbeit, zur Unterhaltung, zum Gebet und zum Protest. Wir wurzeln in der Tradition unserer Afro-Amerikanischen Vorfahren und wurden von Ikonen wie Pete Seeger und Ysayee Barnwell geprägt. Menschen zum gemeinsamen Singen zu ermutigen, ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer musikalischen Karriere. Die Freiheitsmusik der Afro-Amerikanischen Tradition zu singen, gibt uns nicht nur die Möglichkeit, Geschichte verständlich zu machen, sondern auch, mit den Menschen die Erfahrung der Macht von Musik zu teilen. Es gibt nichts Vergleichbares!

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